Die Drucke der Schedelschen Weltchronik

Anton Koberger, Nürnberg 1493 – Johannes Schönsperger, Augsburg 1496

 

Zur Anfangszeit des Buchdrucks wurden von jenen Büchersammlern, welche kostbar illustrierte handgeschriebene Codices besaßen, die in Massen gedruckten Bücher als minderwertig angesehen.

Das war mit einer der Gründe, weshalb sich Ende des 15. Jahrhunderts in Nürnberg eine kapitalträchtige Interessengemeinschaft zusammenfand, die sich zugleich von der Herausgabe einer prächtigen Weltchronik auch materiellen Gewinn versprach.

Es bedurfte jahrelanger Vorbereitung, um ein so umfangreiches zu druckendes Werk, das alles Bisherige in den Schatten stellen sollte, zu realisieren. In jeglicher Hinsicht wurden weder Kosten noch Mühe gespart. Es sollte den reich ausgestatteten Codices nicht nur ähneln, sondern diese zumindest im Umfang, jedoch zugleich auch in der Qualität der Ausstattung übertreffen.

1493 war es dann soweit. Diese riesige Weltchronik im Groß-Folio-Format (aufgeschlagen etwa 60 cm breit) wurde bei Anton Koberger herausgegeben. Mit ihren fast 2000 Holzschnitten übertraf sie zumindest in dieser Hinsicht alles bisher Gedruckte.

Besonderen Verdienst erwarb sich diese Publikation durch doppelblattgroße authentische Stadtansichten. Ein absolutes Novum in jener Zeit! Vor allem diesen attraktiven Holzschnitten ist die Wertschätzung jenes opulenten Werkes bis in die Gegenwart zu verdanken.

Wohl um den sinnlichen Kaufanreiz für vermögende Patrizier zu erhöhen, ließ der Verleger etliche Exemplare rubrizieren, die Abbildungen kolorieren und alles sehr gediegen einbinden. Das war damals keineswegs üblich. Normalerweise erwarb man die einzelnen Druckbögen und verfuhr dann nach eigenem Gutdünken, abhängig von der persönlichen Finanzkraft.

Der Absatz der Chronik verlief unerwartet schleppend, obgleich kurz nach der lateinischen auch eine deutsche Ausgabe erschien. Denn nicht alle die Geld besaßen, selbst Fürsten, konnten lesen, und die wenigsten Latein. Trotzdem sollen 1509, nach über einem Jahrzehnt, fast 600 Exemplare unverkauft gewesen sein.

Für mich wenig verwunderlich. So ist belegt, dass König Heinrich VIII. im Jahr 1495 eine Schedelsche Weltchronik zum Preis von 66 Shilling und 8 Pence erwarb. Das entsprach damals dem Preis von fünfeinhalb Ochsen, für die man heute fast 10.000 Euro bezahlen müsste, denn ein guter Zugochse kostet etwa 1500-1700 Euro.

Nebenbei: Am 22.November 2010 erzielte ein vollständiges koloriertes Exemplar in Hamburg bei Ketterer 259.600,00 Euro. (Hinzu kommen Mehrwertsteuer und die Courtage.) Vollständige Exemplare in diesem Zustand sind mehr als selten, denn man muss bedenken, dass eine Vielzahl der Bücher schon vor Zeiten geplündert wurde, denn nur den attraktiven Stadtansichten maß man noch besonderen Wert zu. Sie wurden aus den Büchern herausgelöst und werden bis heute einzeln gehandelt, kosten mehrere hundert bis über eintausend Euro das Stück.

Und dass es unzählige Faksimile-Nachdrucke der Koberger Ausgabe in unterschiedlichster Größe sowie auch Preislage, bis hinab zum A5-Format als Paperback, gibt, ist gleichfalls nicht dem Text, sondern diesen beeindruckenden Stadtansichten zu verdanken.

Ein geschäftstüchtiger Augsburger Drucker, Johannes Schönsperger, der spätere Hofdrucker Kaiser Maximilian I., verlegte für das weniger betuchte Bürgertum drei Jahre nach dem Erscheinen der Koberger Ausgabe, eine verkleinerte preiswertere deutsche Ausgabe, die sich so gut verkauft haben muss, dass 1500 eine Nachauflage gedruckt wurde. Die Auflagenhöhe, von der wir nichts weiter wissen, wird wohl eher niedriger als die aus Nürnberg gewesen sein, denn Schönsperger galt als vorsichtig kalkulierender Geschäftsmann. Die Nachfrage nach einer preiswerten lateinischen Ausgabe schien ebenfalls vorhanden gewesen zu sein. Ein Jahr später, 1497, druckte er auch diese. Neben dem Preis zeichnen sich diese Drucke durch das handlichere Format und durch den zweispaltigen Druck, der das Lesen erleichtert, aus.

Man kann davon ausgehen, dass nur eine geringe Anzahl der verkauften Exemplare einen stabilen Holzdeckeleinband mit metallenen Buchschließen erhielten und noch viel weniger mögen koloriert worden sein. In öffentlichen Sammlungen weltweit konnte ich nur zwei kolorierte Exemplare, eines in Wien und das andere in Graz, ermitteln. Kein Wunder, denn die Kosten für solche individuellen Handwerksleistungen waren damals ähnlich hoch wie heute. Der Preis wird sich dann kaum unter dem einer unkolorierten Nürnberger Ausgabe bewegt haben.

Die aus Kostengründen wohl oft nur als Broschüre gebundenen Bücher mögen als Gebrauchsgegenstand zusätzlich noch von Hand zu Hand gegangen sein, selbst in solche Hände, denen der Umgang mit Büchern, weil sie nicht lesen konnten, fremd war. Für hinreichenden Anreiz sorgten allemal die vielen Holzschnitte.

Diese verkleinerte Ausgabe wird daher einem erheblichen höheren Verschleiß ausgesetzt gewesen sein als das Nürnberger Prachtwerk. Dann ab Mitte des 16. Jahrhunderts, als der Text als überholt galt, werden weitere Exemplare anderen Zwecken gedient haben, so dass es in keiner Weise verwunderlich ist, dass heute diese „Volksausgabe“ seltener als die andere geworden ist. Gegenwärtig wird ein unkoloriertes jedoch nicht ganz vollständiges Exemplar zum Taxpreis von 10.000 Euro bei Ketterer angeboten (Auktionstermin: 23. November 2011). Man wird das Ergebnis abwarten müssen.

Zum Teil bis heute wird dieser Nachdruck abwertend als Raubdruck bezeichnet. Weder sachlich noch juristisch ist das haltbar. Urheberrecht gab es zu jener Zeit nicht einmal ansatzweise. Nachdrucke waren legitim und üblich, ganz besonders bei populären Werken, zum Beispiel bei Kräuterbüchern. Außerdem sei zu bedenken, dass es gerade preiswertere Nachdrucke waren, die maßgeblich zur Verbreitung von Bildung und Wissen beitrugen. Nicht selten wurden sie auf schlechterem Papier gedruckt und mit minderwertigen Holzschnitten ausgestattet. Da bildete selbst Schönsperger im Allgemeinen kaum eine Ausnahme. Anders jedoch bei diesem Werk. Er wählte, wie der Vergleich ergab, gutes Druckpapier und aktualisierte und erweiterte den Text und die Anzahl der Holzschnitte sogar geringfügig. Letzteres bedarf jedoch noch einer genaueren Überprüfung.

Die meisten dieser buchformatbedingten kleineren Holzschnitte besitzen eine hohe Eigenständigkeit und zeichnen sich durch gestalterische Prägnanz und besonders bei den fiktiven Porträtholzschnitten durch hohe Qualität aus. Da die Stadtansichten bei Schönsperger verkleinert und vereinfacht dargestellt werden mussten, besitzen sie verständlicherweise leider nicht jene Attraktivität, die an den Vorbildern der Groß-Folio-Ausgabe so überaus schätzenswert ist.

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