Eröffnungsrede Wege im Holz, von V. Henze

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!

Draußen ist kalter Frühling.

Schmuddliges Berlin.

Hier drin die Druckwerkstatt von Eberhard Hartwig.

 

In dem hintergründig komischen Roman „Der Dritte Polizist“ des irischen Autors Flann O Brian erläutert der zweite Polizist dem einbeinigen Helden der Geschichte seine Atom- Theorie von den Fahrradfahrern und ihren Fahrrädern:

Zwischen den Radlern und den Rädern finde beim Fahren ein Atomaustausch statt.

Über den Sattel, die Griffe an den Lenkern und die Pedale würden Atome des Rades in den Radler und vom Radler ins Rad wandern. Im Laufe eines jahrelangen und intensiven Radelns erhöht sich somit der menschliche Anteil im Fahrrad und der Radler wird immer mehr zum Drahtesel. So sei es schon vorgekommen, dass ein Todesurteil gegen einen immer radelnden Verbrecher an seinem Fahrrad vollstreckt werden musste. Es wurde erhängt.

Mir scheint in dieser Werkstatt hat über die 17 Jahre der Nutzung durch Eberhard ein ähnlicher Austausch stattgefunden. Alles hier ist mit dem Betreiber identisch.

Eberhard Hartwig, unser umtriebiger Kollege (mit einer besuchenswerten WEB-site), druckt hier nicht nur für sich und Kollegen, vermittelt in verschiedenen Kunstkursen Fertigkeiten in Zeichnen, malen und drucken, sondern er zeigt auch regelmäßig Ausstellungen, meist mit Druckgrafik von ihn interessierenden Künstlern. Die werden, wie es sich gehört, mit Musik und einer Laudatio eröffnet.

Also heute an den Wänden über Arbeitstischen und Druckpressen eine Ausstellung mit Holzschnitten von Matthias Schroller und Carsten Gille.

 

Die Bekanntschaft mit Carsten Gille und Matthias Schroller verdanke ich auch einem Austausch. Dem Künstleraustausch mit Georgien. Zu Ehren des georgischen Malers Nikos Pirosmani werden seit vielen Jahren wunderbare Reisen nach Georgien organisiert. 2008 lernte ich Carsten Gille bei einer grandiosen Rundreise durch das Kulturland kennen. Unsere Entscheidung gemeinsam ein Doppelzimmer zu nehmen war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Und 2015 lernte ich beim Kunstprojekt „Zeichen und Anzeichen“ im Tuschendorf Alwani neben dem Paradies Matthias Schroller kennen. Während unserer gemeinsamen Zeit im Hof und den Ateliers auf dem Grundstück von Gocha unserem Georgischen Freund und Kollegen und seiner uns so gut ver- und umsorgenden Mama Tamara habe ich zwei Arbeitsmöglichkeiten von Matthias beobachtet. Lange malte er an wenigen größeren Leinwandbildern. Veränderte und verdichtete immer wieder. Frische Anfänge wurden übermalt, verknappt, klarere Farbigkeiten ergaben sich. Manchmal hätte ich am liebsten Halt gerufen. Aber seine Unbedingtheit trieb ihn weiter.

Dagegen bewunderte ich die unmittelbare Frische seiner vielen Aquarelle und Zeichnungen. Skizzen und Studien die er in den vertikalen Dörfern von Tiblissi (erkläre ich gerne nach der Eröffnung) und dem großen Dorf neben dem Paradies am Fluss mit dem hohen Kaukasus im Hintergrund gemacht hat. Seine mit Bleistift fein gezeichneten Porträtstudien sind mir noch gut im Gedächtnis.

In seinen Holzschnitten sucht Matthias Schroller nach einfachen Formen ohne Opulenz. Zeichen, oft in schmalen Hochformaten, die Ortsnamen als Titel haben. Schön irritierend, denn diese aufragenden einzelnen Schornsteinaufbauten, Wassertürme oder Hausecken repräsentieren die Orte ja nicht unbedingt.

Ein schönes Beispiel ist „Braunschweig“. Eins der querformatigen Blätter. Eine Baustelle im Bahnhof von Braunschweig mit Resten von Lüftungsschlitzen hat die Formidee gegeben. Kleine dunklere Flecken sind im schrägen Winkel geschnitten und unterbrechen die sonst vertikalen Schnittverläufe.

Seine Kunst fußt durchaus auf Ostdeutscher Kunsttradition. Er war Schüler von Max Uhlig und Dieter Goltzsche und ist mit beiden befreundet. Er ist der Kunst des Dresdners Wolfram Hänsch eng verbunden und verehrt Werner Wittigs feine Grafik. Matthias muss auch Freude an den Arbeiten Morandis finden!

Ein häufig wiederkehrendes Thema seiner Malerei sind Fenstersituationen, Türen, Fassadenteile, Ladenfronten. Er findet dabei farbige Formgefüge von einer Schönheit die ich ähnlich nur in Bildern von Edward Hopper gefunden habe. Leider sind seine Malereien hier nicht zu sehen.

Über die eigene intensive Kunstarbeit hinaus ist er aktiver Teil des Dresdener Kulturlebens. Er leitet Kinderzirkel, war im vergangenen Jahr Dozent der Dresdener Sommerakademie und organisiert im privaten Verein seit 10 Jahren den Dresdener Grafikmarkt. Er zeigt in vielen Ausstellungen seine Malerei und seine Grafik.

Und er ist für mich einer der Wenigen deren Facebook-Seite ich gerne besuche. Er zeigt dort ohne viel Kommentar Bilder von seiner Arbeit, seinem Atelier, Plakate von Ausstellungen, mal eine Eintrittskarte von einem Kunstmuseum. Er weist mit Fotos auf Ausstellungen hin, die er wichtig findet. Nichts ist banal oder blöd intim. Auf liebenswert unaufgeregte Weise wird Matthias Schroller sichtbar und das macht Lust auf seine und andere Kunst! So kann man sinnvoll mit diesem Medium umgehen das ich ansonsten eher als asoziales Netzwerk empfinde.

Schroller ist beides: künstlerisch ein Traditionalist und ein ganz gegenwärtiger Facebooknutzer.

 

Der Kleinmachnower Berliner Carsten Gille lebt mit seiner Frau Susanne (auch Berlinerin!) seit dreißig Jahren im Erzgebirge. Im Hofefeld, einem Dreiseithof zwischen Frauenstein und Bobritz dem Geburtsort von Silbermann. Ein intensiver Austausch zwischen dem Land und Carsten ist im Gang.

Häufige Sujets seiner Kunst sind Waldstücke mit Tieren manchmal auch ohne. Dunkle Waldseen. Es kann ein Mann am Ufer sitzen. Eine Familie in einem Boot. Eine gewisse Romantik meine ich zu erkennen.

Anregungen aus der Literatur, von Filmen sind oft Ausgangspunkt seiner Arbeiten.

Aber der Grund seiner Formungen sind die tief in ihn eingedrungenen Land- und Waldschaften um das Hofefeld. So sind die Baumformen, die Gebüschballungen, die durchblitztenden Himmelstücke immer überraschend und einmalig, wie es eben die zufälligen Überschneidungen der Erscheinungen in unserer Wahrnehmung sind.

Ich kenne wunderbare Kohlezeichnungen von Carsten. Auch Radierungen. Aber eigentlich zieht es ihn doch zur Farbe. In seiner Malerei und wie wir hier sehen in seinen Holzschnitten findet er feine, niemals laute Farbzusammenhänge zwischen leuchtendem roten Ocker und tiefem Blau. Seine Farbigkeit kommt natürlich aus dem ihm innewohnenden Farbgefühl. Sicher sind es auch die Farben seiner Welt.

Aber:

Nicht nur die Landschaft hat ihn geformt.

Carsten Gille hat auch das Land geprägt. Seit wie viel Jahren gibt es die Sommergalerie im Hofefeld? Wie viele Künstler haben dort schon ihre Arbeiten zeigen können? (Auch ich) Dazu Musik, Lesungen, Tanz, Brote mit Kräuterbutter und Wein.

Im Städtchen Frauenstein gibt es an vielen Häusern Bilder aus der Stadtgeschichte von Carsten Gille. Scherenschnitthafte Siebdrucke auf Plexiglas die den Touristen und Einheimischen vor Augen führen dass es künstlerische Bildmitteilungen gibt jenseits von Werbeplakaten. Seine Kunsterfahrungen gibt er in Kunstkursen in seinem Atelier weiter.

Aber Carsten und Susanne habe sich geschützt vor zu vielen Erzgebigsatomen. Sie haben eine kleine Wohnung in Berlin. So flüchten sie regelmäßig vor zu viel Romantik, Fremdenangst und Schnee.

Gestern sagte Matthias Schroller am Telefon sinngemäß: Beim Holzschneiden sei ihm der Wiederstand des Materials und die intensive Arbeit wichtig. Um über die Mühsal gut destillierte Formulierungen zu finden.

Am vorletzten Abend unseres Georgien-Abenteuers 2015 hatten wir es mit einer sehr urtümlichen Art des Destillierens zu tun. Nach einer nächtlichen Trink-und Schaschlik-Zeremonie am Grab eines verstorbenen Nachbarn mussten wir im Wolga-haus am Rand des Dorfes den frisch aus einer unglaublich irdenen, verrußten Schnapsbrennanlage tropfenden ChaCha probieren!

Meine Rede gleicht eher diesem vielleicht noch nicht zu Ende veredeltem Schnaps. Sie ist schon vorbei.

Die Holzschnitte von Schroller und Gille in ihren Verdichtungen tauschen sich mit uns dauerhaft aus. Sie sind sichtbar mehr Carsten Gille und Matthias Schroller als nur Druckfarbe auf Papier.

Volker Henze, 22.04.2017