Laudatio Akt . Akt

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Druck- und Kunst-Freunde und -Innen,

und somit auch liebe Graphik-Käufer und -Käuferinnen!

 

das Druckgraphik-Atelier stellt in seiner nunmehr 81. Ausstellung – diesmal auch als „Feier“ des 15. Jahrestages des Umzuges in die Räume Immanuelkirchstr. 22 und dabei die Erstverwendung des Namens „Druckgraphik-Atelier“ und des Beginns von Ausstellungen im Atelier im Mai/Juni 1999 – von heute, 10.05. bis 01.07.2014 unter dem Titel

 

Akt . Akt – Holzschnitte, Monotypien und Radierungen von

Günter Blendinger, Paul T. Hahn und Eberhard Hartwig vor.

 

Lovis Corinth sagte einmal: »Der Akt ist für die Malerei das, was für die Sprachen das Latein ist.« (aus: Corinth, Lovis, Gesammelte Schriften). Für uns ist er es auch in der Graphik: Ausgangspunkt, Grundlage, d.h. Basis des gestalterischen Schaffens – wie auch das Stillleben und die Landschaft – als fortwährende, früher lernende jetzt ebenso übende Beschäftigung mit der Natur und ihrem Formenreichtum: in den graphischen Techniken der Zeichnung und ebenso in der Druckgraphik. Bei und zu aller „erreichter“ Abstraktion, was ja ein „auf das Wesentliche bringen/verallgemeinern / auf das Typische reduzieren“ heißt, ist uns die (fast) tägliche Natur-Auf„zeichnung“ dafür Bedürfnis. Und wir befinden uns damit in der lang zurückreichenden Traditionslinie der Kunst.

„Es gibt Aktdarstellungen seit den Anfängen der bildenden Kunst (z.B. Venusstatuetten). Sumerer, Ägypter, Kreter, Inder u.a. frühe Hochkulturen erreichten darin ein hohes Niveau. In der archaischen und klassisch griechischen Plastik erhielt der kampfbereite, sportgeübte männliche Körper eine hohe Wertschätzung. Auch im Mittelalter lassen sich Aktwiedergaben finden, zaghaft, in biblischen Themen wie Adam und Eva, Christus am Kreuz, heiliger Sebastian, Auferstehung der Toten usw. Der David des Donatello (um 1430, Florenz, Bargello) ist eine der ersten Aktfreifiguren der neuzeitlichen europäischen Kunst. Jan van Eyck malte gleichzeitig die ersten Aktporträts (Adam und Eva am Genter Altar, 1432, Gent, St. Bavo). Das bekannteste Aktselbstbildnis stammt von Dürer.

Das Studium des nackten menschlichen Körpers wird von nun an systematisiert und zum Schwerpunkt der akademischen Ausbildung gemacht, Leonardo da Vinci (1452–1519) und Dürer (1471–1528) sind hierbei herausragende Namen. Man arbeitete allgemein nach Aktmodellen, zuerst nach männlichen, die noch maßgeblich waren auch für Darstellungen des weiblichen Körpers; erst nach 1500 wurde das weibliche Aktmodell üblich.

Apoll, Diana, Venus – die antiken Götter und Heroen, ihre Sagen mit Leda, Adonis, Odysseus usw. erweisen sich als stete Themen für die Aktkunst, aber auch allegorische Darstellungen durch unbekleidete Frauen und Männer, etwa der Schönheit oder der Liebe, wurden sehr beliebt. Giorgiones Ruhende Venus (1508) gehört zu den bahnbrechenden Werken der abendländischen Malerei: Erstmals präsentiert sich eine einzelne nackte, fast lebensgroße Frau, die im Vordergrund einer arkadischen Landschaft lagert; Assoziationen an ein Goldenes Zeitalter, frei von zivilisatorischen Zwängen, sollen geweckt werden. Dieses Sujet wird durch die Jahrhunderte kopiert; Tizians Venus von Urbino (1538) etwa nimmt fast die gleiche Pose ein, allerdings befindet sie sich in einem bürgerlichen Interieur, ebenfalls ein Motiv, das zum Modellfall wird.

Im Rokoko leistet Boucher mit seinem Ruhenden Mädchen (1752) bahnbrechend Neues: Ohne mythologische oder historische Einkleidung liegt sie da, Louise O´ Murphy, die Mätresse Ludwigs XV. Goya allerdings bekommt die Macht der Inquisition zu spüren für seine Nackte Maja (um 1797), denn ihre Nacktheit ist ebenfalls nicht in irgendeiner Weise mythologisch oder allegorisch entschuldigt. Und im Gegensatz zu Bouchers Mädchenbild, das man voyeuristisch betrachten kann, da sie den »männlichen Blick« nicht erwidert, ist die Maja eine Frau, die den Betrachter mit vollem Wissen um ihre erotische Ausstrahlung unverblümt taxiert. Ein Skandal! Ähnliche Reaktionen rufen 1863 Manets Olympia (eine Prostituierte!) und sein Frühstück im Grünen (eine selbstbewusste nackte Frau unter bekleideten Männern!) hervor. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebt die weibliche Aktmalerei einen Höhepunkt; entscheidend sind dabei die Impressionisten.

Cézanne, einer der »Väter der Moderne«, greift in seinen Großen Badenden (1900–1905) das Motiv des Goldenen Zeitalters wieder auf; auch Matisses Lebensfreude (1905/06) tut dies. Der Fauvist Matisse wollte, genau wie Cézanne, die Moderne mit zeitloser, harmonischer Klassizität versöhnen. Nichts wäre jedoch Picasso zu diesem Zeitpunkt ferner gelegen: In seinen Demoiselles d ´Avignon (1907) greift er zwar wie Cézanne auf geometrische Körper zurück, um seine fünf nackten Prostituierten zu porträtieren – aber er gibt auch gleichzeitig Vorder- und Seitenansichten wieder, löst damit die Zentralperspektive auf – und bringt das Schlüsselwerk des Kubismus hervor. Liebe und Gewalt – in Picassos surrealistischer Phase zwischen 1925 und 1940 tauchen immer wieder weibliche Akte und der Stiermensch Minotaurus auf. Im Spätwerk schließlich setzt sich Picasso mit Malerkollegen auseinander; etliche Variationen zu Manets Frühstück im Freien entstehen in den 1960er Jahren. Der Eros zieht sich wie ein roter Faden durch Picassos gesamtes Werk – ja, durch die gesamte abendländische bildende Kunst!

 

Hier nun ein Zitat von Pablo Picasso: »Die Kunst ist niemals keusch.«

Dieses spricht unter anderem von der Sinnlichkeit der Darstellung des nackten menschlichen Körpers, von den geradezu unerschöpflichen Möglichkeiten, die Sicht des Menschen auf sich selbst, seine Ideale, Ängste und Träume darzustellen. Und es meint damit ebenso die Leidenschaft, die Leidenschaftlichkeit, mit der ein Künstler Kunst schafft, von Obsessionen – von Besessenheit, von ihren Zwängen, ihrer Lust und ihrem Leid. Sie treiben zu Höchstleistungen an und können vernichten. Vom Kunst-zu-Schaffen besessen und vom Zweifel belagert. Viele Künstlerleben wären ohne sie nicht denkbar und werden durch sie heroisch verklärt.

Die Geschichte der Aktdarstellung ist gleichzeitig die Geschichte des menschlichen Schönheitsideals und des künstlerischen Verhältnisses zur Wirklichkeit: der nackte Körper als Sinnbild körperlicher und geistiger Vollkommenheit (Kalokagathie), dargestellt im Heroenkult (z.B. Fries des Pergamonaltars), als Sehnsucht nach Ursprünglichkeit (z.B. Marées „Pferdeführer und Nymphe“), als weltflüchtige Verträumtheit (z.B. Otto Mueller, „Stehender Akt unter Bäumen“), als Sinnenfreude (z.B. Rubens, „Bathseba“), als Symbolismus (z.B. Ingres, „Die Quelle“).“ Rembrandt hat seine Frau Saskia des öfteren als Akt gemalt. Der Charakter der Gestalt hat viel Ähnlichkeit mit der Eva des Jan van Eyck. Dessen berühmte Flügelbilder zum Genter Altar – Adam auf der einen Seite und Eva auf der andern – sind in ihrer Keuschheit unübertroffen. Schön nach raffaelischer Konvention ist dieses erste Menschenpaar nicht, aber unendlich schön durch den hohen Geist, der mit derselben Naivität schon seit einem halben Jahrtausend aus diesen Bildern heraus zu dem Beschauer spricht. (Teilzitate aus: www.wissen-digital.de/Akt und www.hatjecantz.de)

 

Beim Akt wird unterschieden zwischen drei grundlegenden Darstellungsformen:

– den „klassischen“ Vollakt, Modell ist vollständig nackt,

– den Halbakt (Modell ist teilweise bekleidet oder drapiert; verdecken Objekte das Modell, so spricht

man auch von einem verdeckten Akt).

– sowie die Darstellung von Detailansichten (auch häufig als „Torsi oder Torso“ bezeichnet, sind

Details des Körpers, abstrahierend und anonymisierend, Betonung auf Formen und Strukturen).

 

Weiter gibt es noch das Aktporträt, die Figur im Raum. Begriffe wie Atelier- oder Studio-Akt, Outdoor-Akt, also: Akt im Freien – man denke dabei z.B. an die wunderschönen Arbeiten der Brücke-Maler an den Moritzburger Teichen. Der Begriff Close up steht für Groß- oder Nahabbildung. Man sagt bzw. schreibt, es war Modigliani, der den »Close-Up« erfunden hat. Man warf ihm vor, seine Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen, einfach nur wunderschönen Akte, seien wie Playboy-Centerfolds angelegt. Und das Pin-up (vom englischen Begriff to pin up = „anheften“). Es ist das üblicherweise in erotischer Pose dargestellte Bild einer (bekleideten oder halb- bzw. ganz nackten) Frau aus zum Beispiel einem Kalender oder einem so genannten Centerfold, einem ausfaltbaren Bild in der Mitte einer Zeitschrift oder eines Magazins, das an Wände geheftet wird. Die „Nose art“, die Bemalungen von Kampfflugzeugen insbesondere bei der USAAF ist hieraus geschaffen.

 

Je nach Motiv gliedert sich die Aktdarstellung in:

– Männerakt, überwiegend kraftstrotzend und muskulös,

– Frauenakt – diese werden wegen ihres immer noch höheren Formenreichtums nicht nur von den

männlichen Künstlern bevorzugt – und beim Begriff »barocke Schönheit« ist klar, was damit

gemeint ist. Rubens pralle Damen, beispielweise in seinem Gemälde Raub der Töchter des

Leukippos (1617), haben entscheidend dazu beigetragen, ebenso Rembrandts Danae (um 1636)

oder Velázquez Venus mit Spiegel (1651). Man legte Wert auf Monumentalität und Repräsentativi-

tät, da wären dürre Leiber mehr als unpassend gewesen.

– Der Mädchenakt – die Darstellung des nackten Körpers weiblicher Heranwachsender kam verstärkt im Impressionismus (u.a. Pierre-Auguste Renoir, Edgar Degas, Édouard Manet, Paul Gauguin, Pierre Bonnard) auf. Auch Rodin, der die moderne Bildhauerei begründet, ist Impressionist. Geradezu besessen von den Frauen soll er gewesen sein; er erhebt den Torso zum eigenständigen Motiv, etwa in Iris, die Götterbotin (1890/91). Berühmt ist auch sein Kuss von 1886.

Im Expressionismus wurden Mädchenakte noch vereinzelt dargestellt – wie dort üblich in mehr oder weniger starker Abstraktion und teilweise verfremdeten Farben. Zu nennen sind hier u.a. Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff.

Bei Pablo Picasso verschwand der Mädchenakt zugunsten der ‚reifen Frau‘. Auch in der realistischen Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts behielt der Mädchenakt eine gewisse Bedeutung. Ein besonders berühmtes, aber auch umstrittenes Beispiel ist Balthus. Max Klinger ist der Mann der Zeichnung, in Radierungen hat er Bewundernswürdiges geleistet. Weiter nicht unerwähnt bleiben sollten Gustav Klimt und Egon Schiele. Letzterer verbrachte sogar 24 Tage im Gefängnis, verurteilt wegen der „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“, u.a. Minderjähriger.

 

Ob es sich bei einer Arbeit um Kunst, Kitsch, Provokation oder gar Pornographie handelt, liegt immer im Auge des Betrachters/der Betrachterin. Der Gesetzgeber definiert: Eine Darstellung wird heute nach deutschem Recht als pornografisch bezeichnet, wenn sie unter Hintenansetzen sonstiger menschlicher Bezüge sexuelle Vorgänge in grob aufdringlicher, anreißerischer Weise in den Vordergrund rückt, und wenn ihre objektive Gesamttendenz ausschließlich oder überwiegend zur Aufreizung des Sexualtriebs abzielt (Stefen, 1989). Das deutsche Strafgesetzbuch (StGB) beinhaltet ein Totalverbot bestimmter pornografischer Schriften, die als sozialschädlich eingestuft werden (§ 184 Abs. 3).

Aktdarstellungen beabsichtigen hingegen nicht primär eine sexuelle Erregung und sind neben einem ästhetischen und handwerklichen Anspruch auch durch menschliche Achtung gekennzeichnet.

Auch schützt das deutsche Grundgesetz explizit die Kunst: Die Kunst ist frei; die Freiheit der Kunst ist in Art. 5 Abs. 3 Grundgesetz ohne Vorbehalt gewährleistet. Der Kunstbegriff ist nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nicht auf ein bestimmtes Niveau und daher auch nicht auf „wertvolle“ oder gar klassische Kunst beschränkt. Die Abwägung zwischen Kunstschutz und anderen durch die Verfassung geschützten Rechtsgütern, beispielsweise Jugendschutz, beschäftigt regelmäßig die Gerichte. Der Jugendschutz ist daher ein Problemfeld Sexualität darstellender Abbildungen. Das Verbot (Indizierung) für Jugendliche unter 18 Jahren ist in Deutschland und anderen demokratischen Staaten nur im Rahmen einer Nachzensur möglich und kommt bei Kunst kaum vor.

Der Zensor, der Gesetzgeber und die Gerichte sind überwiegend Männer. Deshalb ein Zitat von Coco Chanel: „Weibliche Nacktheit muss man den Männern mit dem Teelöffel geben, nicht mit der Schöpfkelle.“

 

 

Zur Frage „Ist das alles Akt?“ möchte ich abschließend noch einmal zitieren, aus dem Duden-online:

Akt

Bedeutungen:

1. a) Handlung, Vorgang, Tat

b) Feierlichkeit, Zeremonie

c) juristisches Verfahren, Rechtsvorgang

2. Aufzug, z.B. ein Schauspiel in fünf Akten

3. im Zirkus, Varieté: Darbietung, Nummer

4. in der bildenden Kunst: künstlerisch [stilisiert] dargestellter nackter menschlicher Körper

5. Kurzform für: Geschlechtsakt

6. (besonders süddeutsch, österreichisch) Akte, d.h. Ordner

Synonyme sind:

• Aktion, Handlung, Handlungsweise, Maßnahme, Schritt, Tat, Tun, Vorgang

• Feierlichkeit, Ritual, Zeremonie; (bildungssprachlich) Zeremoniell

• (Rechtssprache) Rechtshandlung, Verfahren

• Aufzug; (Theater) Bild

• Darbietung, Nummer, Schaustellung, Vorführung

• Begattung, Geschlechtsakt, Geschlechtsverkehr, Koitus, Kopulation, Vereinigung; (gehoben) Liebesakt; (bildungssprachlich) Kohabitation; (gehoben, Rechtssprache) Beischlaf; (gehoben veraltet) Beilager

Herkunft: lateinisch actus, zu: agere (2. Partizip actum) = handeln, tätig sein

 

Nun bleibt mir zum Abschluß meiner Ausführungen mit Hilfe von Recherchen, nur zu wünschen:

Genießen sie den Akt, die Akte, die Graphiken und/oder führen sie Gespräche und/oder Diskussionen darüber!

Ihnen und uns einen schönen Abend heute sowie viele rote Punkte / für „verkauft“ !

 

Zur Lesung „LeseAkt“

Brunhild Hauschild liest Kurzgeschichten und Gedichte aus eigener und fremder Feder –

und Gesprächen mit den Künstlern am Donnerstag, den 05. Juni 2014, 20.00 Uhr, möchten wir Sie und Ihre Freunde hiermit noch ebenso herzlich einladen.

 

Eberhard Hartwig, Atelierleiter, 10.05.2014