Rede zu J. Gerhard von A. Volpert

Nicht kopflastig, doch so schwarz wie möglich

Radierungen aus 40 Jahren von Jürgen Gerhard im Druckgraphik-Atelier, zur Vernissage am 18. April 2015     

von Astrid Volpert

 

Jürgen Gerhard bekannte einmal in einem Text, es ginge ihm in seinem künstlerischen Tun um die Formulierung eines Erlebnisses und um das Finden einer entsprechenden Form. Im gleichen Satz fügte er hinzu, dass diese bei der Arbeit gefundene Form nicht mehr auf das ursprüngliche Erlebnis zurückgehen müsse. Das Bildform Gewordene könne durchaus ein anderes Erlebnis sein – frei nach Rilke: „Die Kunst ist der dunkle Wunsch der Dinge“.

In diesem Sinne: Seien Sie, liebe Kollegen und Freunde des Künstlers wie der Druckgraphik als eigenständiges, aussagestarkes künstlerisches Medium der Gegenwart, willkommen im Druckgraphik-Atelier von Eberhard Hartwig zu einer spannenden Gratwanderung durch 40 Jahre Radierkunst von Jürgen Gerhard. Dieser nördlich von Berlin lebende Maler sächsischen Ursprungs hat viele Ausstellungen bestritten, manchmal wie zuletzt in Falkensee auch im Dialog mit den keramischen Werken seiner Frau Frauke. Die zweite Hälfte seines Oeuvres, die Druckgraphik, spielte dabei meist eine untergeordnete Rolle. Im Alltag künstlerischer Auseinandersetzungen verhält es sich mitnichten so. Und so war es eine Frage der Zeit, vor allem aber des Ortes, diese Ungleichheit im öffentlichen Bewusstsein seines Werkes zu tilgen. Deshalb möchte ich als erstes festhalten: die hier vorgestellten Beweisblätter sind frische, auf Punkt und Linien gebrachte Kunststücke, die in unterschiedlicher Weise unsere eigene Erlebniswelt als Betrachter bereichern.

Neben sichtbarer permanenter Lust und frischer Neugier im Blick auf seine Motive – woher kommt eigentlich diese erhöhte druckgraphische Betriebsamkeit, gepaart mit überaus solidem, zielgerichtet umgesetzten Handwerkswissen und -geschick? Man könnte seine Schriftsetzerlehre anführen, die er 1966 abschloss. Doch sie war „nur“ Mittel zum Zweck, in Wahrheit zog es ihn zur freien Malerei und Graphik. Und dafür gab es bezüglich der Druckgraphik zwei prägende Früherlebnisse. Sie trugen dazu bei, dass sich der aus der Familie eines Stahlbauschlossers Stammende junge Mann auch später, trotz allerlei Verzögerungen und Hindernisse, die seinen Weg säumten, nicht vom Hauptziel abdrängen ließ. Ende 1963 sah der 16-Jährige auf einer Klassenfahrt nach Berlin im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen eine Munch-Ausstellung und im selben Monat in der Heimatstadt Leipzig Zeichnungen von Otto Dix. Damit war ein erster Kontrastbogen verlockender Ausdrucksmöglichkeiten für die Zukunft gespannt.

Da Jürgen Gerhard aber nach der Schriftsetzerlehre nicht gleich zum Studium durfte, arbeitete er zunächst am Institut für Buchgestaltung der Leipziger HS für Grafik und Buchkunst mit. Dort hatte er Glück und wurde Augenzeuge, als der streitbare documenta-Künstler und Professor HAP Grieshaber seine Original-Ausgabe des „Totentanz‘ von Basel“ (40-Original-Farbholzschnitte) druckte. Erst 1968-1973 kann Gerhard sein Kunststudium als Maler absolvieren. Bezogen auf die Druckgraphik, in der er, angestoßen durch den Grafiker und elterlichen Freund  Herbert Hauwede, Vorkenntnisse besaß, wurde neben seinen Lehrern der ehemalige Leiter der Radier- und Kupferstichwerkstatt der Hochschule Karl Krug Ansprechpartner.  Jürgen Gerhard erinnert sich noch heute an diese Instanz. Er schätzte Krugs Landschafts- und Stillleben-Radierungen, auch wenn er selbst die Aufgabe anders löste. Die älteste Arbeit hier in der Ausstellung ist ein Kupferstich von 1976 – präzise, virtuos, vielleicht etwa penibel in der Punktierung der Hell-Dunkel-Bereiche des quadratischen Kleinformats, aber ästhetisch, um mit Cézanne zu sprechen, eine Augenweide.

In der DDR bestritten studierte freie Künstler ihr Einkommen teilweise durch Gebrauchsgrafik.  Auch Jürgen Gerhard hat 1973 bis 1985 solche Aufträge übernommen, wenngleich in bescheidenerem Umfang als andere. Vielleicht auch aus Angst vor Vereinnahmung  oder der Gefahr, dass ohne sein Mitspracherecht nicht das beste Resultat zur Anwendung kommen könnte. Die Ausstellung zeigt ein Beispiel für seine intensive Auseinandersetzung mit angewandten Aufträgen: die drei Radierungen von 1981 sind damals wie heute autonome Kunstwerke. Ausgelöst waren sie durch einen Auftrag des Jugendbuch-Verlags Neues Leben für ein Heft von Gegenwartslyrik. In der populären Serie Poesiealbum war Nr. 171 dem aus Simbabwe stammenden Dichter Dennis Brutus gewidmet. Er hatte unter der Apartheid im berüchtigten Foltergefängnis auf Robben Island gesessen, ehe er über Großbritannien in die USA emigrieren konnte, wo er eine Professur für afrikanische Literatur innehatte, Brutus starb 2009 in Kapstadt. Durch dessen Biografie und die veröffentlichten Gedichte der Haftzeit war eine politische Sicht des Themas implementiert. Doch im Gegensatz zu den Kunst-ist-Waffe-Graphikern kam JG oberflächliche Propaganda nicht in den Sinn. Titelblatt des Heftes wurde ein Motiv, das eine Schattenfigur im kargen, geschlossenen Raum widerspiegelt, oben rechts ein kleiner Lichtblick durch Gitterstäbe des Fensters. Metapher der Unfreiheit. Der Künstler hatte für den Auftrag mehrere Motive vorgelegt. Ähnlich wie die Titelgraphik verweigern sie sich dem Gestus der konkreten Story und assoziieren so zeitlos Geschichte, übertragbar auf andere Situationen und Orte. Dahinter steht die Einlösung des Versprechens, nicht kopflastig zu sein in seiner Kunst.

Jürgen Gerhard zeigt in dieser Ausstellung vor allem Kaltnadelradierungen, wenige Strichätzungen und Aquatinten. Zu letzteren gehört die Landschaft von Giebeln und Dächern im Umfeld der Berliner Museumsinsel, ein Exemplar des Blattes ist übrigens im Besitz der Kunstsammlung des Stadtbezirks Pankow.

Wer einmal Jürgen Gerhard im Atelier in Hohen Neuendorf besuchte, wo er 35 Jahre lang wirkte und dessen Umzug nach Oranienburg nun bevorsteht, kennt die überbordenden Mappen und Schränke, gefüllt mit Werken der Schwarz-Weiß-Kunst kleinerer und größerer Formate. Obwohl die summarische Größe der Blätter an diesem Ort hier auf die Hundert zugeht, ist was wir sehen nur ein kleines Stück dieses großen Ganzen, mit scharfer Beobachtungsgabe und virtuoser Dynamik der Handbewegungen auf Kupfer-, Zink- und Ekalon-Platten gezeichnet bzw. in diese geritzt und verätzt.

Hier ist in erster Linie Gelegenheit für die Begegnung mit unspektakulären Motiven von Landschaften, Stillleben und Akt. Sie zeugen davon, welchen Wert Jürgen Gerhard diesen Genres zumisst und wie er ihnen im wiederholten Dialog der Dinge oder im Dialog mit den Dingen um neue Sehpunkte ringt. Hohe Konzentration und zugleich Muße, mit schwungvoller Leichtigkeit den Moment spontan, expressiv oder in der Ruhe zu notieren, das ist ein wichtiger Wesenszug seiner Akte und Halb-Akte. Im fragmentarischen Liniengerüst sitzt jeder Strich, keiner ist zu viel. Im Gegenzug mögen Gerhards Landschaften kräftiger, heftiger im Gestus wirken, entdeckt man auf den zweiten Blick im Dickicht ihrer mitunter spröde wahrgenommenen Linien und Schraffuren das wohlgeordnete  System des graphischen Bildes.  Das trifft auf kleinere Blätter zu Ostsee-Landschaften ebenso zu wie auf die im letzten Jahrzehnt radierten, vergleichsweise großen Venediger Motive.

Alles will ich nicht be- oder zerreden. Nur noch der Hinweis auf eine besondere Wand im hinteren Raum sei angefügt: Zum ersten Mal können wir zwölf Mitte der 1990-er Jahre entstandene Radierungen seiner Seh-Erlebnisse auf Kreta wahrnehmen – Strand, Dorfleben als Bühne, schweigsame Fischer… Möglicherweise erinnert sich der eine oder die andere an gleichnamige Aquarelle, die vor zwei Jahren im Rathaus von Hohen Neuendorf hingen. Diese Kaltnadeln auf Japanpapier jedoch, in abgemischtem Rötel-Ton sind von Lakonie gezeichnete Elementarbilder in sich selbst ruhender fremder südlicher Landschaft und Menschen, deren Chronist der Künstler ist.

In diesem Atelierraum, im Angesicht der Instrumente ihrer Schöpfung, auch wenn es nicht die eigenen Pressen, Papiere, Platten, Pappen, Stichel, Rakel sind, erleben wir Druckgraphik pur, vorzugsweise schwarz weiß und, wenn es nach Jürgen Gerhard geht,  so schwarz wie möglich. Da kommt es schon vor, dass er noch Ölfarbe hinzugibt. Die heute im Handel erhältlichen Töne seien ihm zu schwach. Kontraste sollen klar ins Auge fallen. Kraftvoll muss die Bild-Botschaft herüberkommen, nicht an flauen Oberflächen verschwinden.

Zu Initialzündern der Jugendzeit, Munch und Dix erwähnte ich schon, haben sich über die Jahrzehnte andere Namen gesellt, auch Literaten oder Komponisten. Das fertige Werk allerdings kennt nur eine Identität, die von Jürgen Gerhard. Der Weg zum Ziel bleibt mathematisch nicht berechenbar. Wenn auf Reisen die zeichnerische Eingabe für die spätere Radierung unmittelbar vor Ort entsteht (auf Kunststoffplatten), bedeuten die weiteren Produktionsschritte im Atelier prozessuales Arbeiten mit offenem Ausgang. Die Behandlung von Platte und Papier zur Wiedergabe gespeicherter Motive birgt stets viele Überraschungen. Auch deshalb reizt es ihn, den Vorgang immer wieder neu zu starten. Kein Druck gleicht dem anderen, zumal wenn der Künstler ihn selbst herstellt. Das ist bei Jürgen Gerhard der Fall, ein Glücksfall, wie wir sehen.                                               © Astrid Volpert , Volpertber@aol.com