Rede zur Ausstellungseröffnung G. Rommel, 11.02.2017

Der malende und zeichnende Bildhauer Gerhard Rommel

Dr. Peter Michel

 

Gerhard Rommel starb vor beinahe zwei Jahren in Kraatz. Wir kennen ihn als Bildhauer; mit vielen anderen Kollegen seines Fachs teilte er die Erfahrung, dass seine Plastiken und Skulpturen, seine Reliefs und Medaillen stets zuerst wahrgenommen wurden, während alles, was auf Papier und anderen zweidimensionalen Bildträgern entstand, für die Öffentlichkeit weniger wichtig erschien. Dabei gibt es kaum einen Bildhauer, der nicht zeichnet, mit graphischen Techniken arbeitet, aquarelliert oder gar mit farbigen Kreiden, Acryl- oder Ölfarben umgeht. Dabei sind solche für einen Bildhauer scheinbar weniger bemerkenswerten Verfahren bei den meisten nicht nur vorbereitende, zum Plastischen hinführende Schritte, sondern oft ganz eigenständige Arbeiten, die ihren Platz im Gesamtwerk behaupten.

Die Beispiele in der Kunstgeschichte sind Legion: Michelangelo Buonarotti war Bildhauer und Maler; Honoré Daumier kennen wir als Bildhauer, Maler, Graphiker und Karikaturisten; die Lehrer Gerhard Rommels – die Bildhauer Theo Balden und Heinrich Drake – schufen nicht nur eindrucksvolle Skulpturen, sie zeichneten und malten auch. Werner Stötzers und Jo Jastrams Zeichnungen sind nicht vergessen; beide gehörten zu den Freunden Gerhard Rommels. Sein Kollege Klaus Schwabe aus Leipzig malt und zeichnet sehr eigenständig. Schließlich war Gerhard Rommel einer der wenigen Meisterschüler Fritz Cremers, eines unvergessenen Meisters der Bildhauerei und der Graphik. Wie sollte es also bei ihm anders sein?

Was für seine zahllosen dreidimensionalen Werke gilt, trifft auch auf seine Druckgraphiken, Zeichnungen und Aquarelle zu. Es kommt aus seiner Gesamtperson: ein lustbetonter Drang nach plastischer Formung, ein solides Handwerk, ein von ursprünglicher Freundlichkeit und Liebe geprägtes Menschenbild, die Energie des Ausdrucks, die Einheit von Schlichtem und Tiefgründigem, eine unstillbare Produktivität, Lebensbejahung und das Beherrschen der Spannungen von Proportionen und Volumen. Doch ich glaube, dass bei Gerhard Rommel etwas hinzukommt, das für andere weniger zutrifft. Jede seiner Druckgrafiken und Zeichnungen lässt spüren: Hier ist ein Bildhauer am Werke, der es gewöhnt ist, in widerständigem Material zu arbeiten – in Stein, Bronze oder Holz – und der das auch in seinen zweidimensionalen Arbeiten offen zeigt.

In seinen vielfigurigen Lithographien mit Bildern aus einem Altenheim, die immer eine Gemeinschaft darstellen – beim Lesen, beim Gratulieren, beim Tanzen oder beim Singen – weist die Reihung der Gestalten auf eine bildhauerische Grundhaltung hin; man denkt sich diese Graphiken als Reliefs. Die Zeichnung eines Pelikans von 2010 erscheint wie der Entwurf für eine entsprechende Plastik. Auch seine Aktzeichnungen lassen schnell an eine Umsetzung in plastische Formen denken. Was auffällt, ist eine Festigkeit der Zeichnung, die ihn von anderen Bildhauern unterscheidet. Die Bildhauerinnen Emerita Pansowová und Marguerite Blume-Cárdenas, die so klare, strenge, in tektonischer Disziplin geschaffene plastische Bildwerke schaffen, sind in ihren Zeichnungen zarter, zurückhaltender, fast malerisch, so dass man kaum an Bildhauerei denkt, wenn man solche Blätter sieht. Das ist bei Gerhard Rommel anders. Hier ist ein Zupackender am Werk, der seine bildhauerischen Ambitionen nicht verleugnet.

Am deutlichsten spürt man das in seinem Bauernkriegszyklus von 1975, der aus 10 Lithographien besteht, gedruckt von Dietmar Liebsch aus Berlin-Biesdorf. Eines dieser Lithos – »Bauer und Fürst« – ist durch Verzicht auf einen Hintergrund so auf den Punkt gebracht, dass man meint, ein direktes Vorbild für ein Hochrelief oder eine Medaillen-Vorderseite zu entdecken. Der ganze Zyklus atmet dieses Streben nach knapper, eindeutiger Darstellung, auch wenn das historische Ambiente in anderen Blättern kommentierend hinzukommt. Ein Morgenstern, diese brutale Waffe, erscheint als Sonne und wird so zum Symbol. Zyklen zum Bauernkrieg gab es in der Kunstgeschichte öfter. Wer denkt da nicht an die Bildhauerin, Zeichnerin und Graphikerin Käthe Kollwitz? Doch Gerhard Rommel findet hier seine ganz eigene, klare Sprache, die in der Tradition eines Max Lingner, Bert Heller oder Hans Baltzer steht und die später von solchen Vertretern der Leipziger Schule wie Karl-Georg Hirsch und Werner Tübke fortgesetzt wurde.

Alles, was Sie in dieser Ausstellung sehen, zeigt den Weg eines Bildhauers, der eben auch malte und zeichnete. Er probierte die Lithographie in schwarzweißen und farbigen Varianten, zeichnete seine Frau Helga in liebevoller Weise auf einer lebendigen Grundierung mit weißen Höhungen, erfasste Szenen aus dem Familienleben, aquarellierte auch, gab Anne Frank ein Andenken, nicht nur einer großartigen plastischen Säule, sondern auch in einer bewegenden Zeichnung – und stellte das Leben der Bauern dar. Er gehört zu denen, die wir nicht vergessen dürfen.