Rede zur Eröffnung der Ausstellung Ingrid Goltzsche-Schwarz zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Ada Raev

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich, mich an diesem Nachmittag mit Ihnen zusammen an die vor fast einem Viertel Jahrhundert viel zu früh verstorbene Künstlerin Ingrid Goltzsche-Schwarz zu erinnern. Sie wäre im Juni dieses Jahres 80 geworden. Zweifelsohne ist das Druckgraphik-Atelier von Eberhard Hartwig ein guter Ort, eine ihr gewidmete Gedenkausstellung zu veranstalten. Gerade der Druckgraphik hat sich Ingrid mit besonderer Hingabe und Experimentier­freudigkeit gewidmet, immer offen für die überraschenden Möglichkeiten, die die unterschiedlichen Drucktechniken bieten. Sicher wäre sie zu einem solchen Anlass gern selbst gekommen und hätte mit Freunden und Kollegen angeregt über Kunst und die Welt geplaudert. Die ausgewählten Arbeiten stammen aus dem Nachlass von Ingrid Goltzsche, der sich im Besitz des Kulturamtes von Berlin-Köpenick befindet.

Mein Mann und ich haben Ingrid Goltzsche-Schwarz im damals neu eröffneten Französischen Kulturzentrum Unter den Linden kennengelernt, wo man in der späten DDR Französisch lernen konnte. Zur Perfektion haben wir es in dieser Angelegenheit zugegebenermaßen nicht gebracht, dafür mit Ingrid aber eine gute Freundin gewonnen. Oft haben wir sie in ihrer versponnenen, mit Büchern, Kunstwerken von ihr selbst und von befreundeten Kolleginnen und Kollegen und einer besonderen Atmosphäre angefüllten Wohnung in Berlin-Friedrichshagen besucht. Sie hat uns das inzwischen von ihr genutzte Atelier von Charlotte E. Pauly gezeigt und uns aus dem abenteuerlichen Leben ihrer Mentorin erzählt. Gemeinsam haben wir Spaziergänge an den Müggelsee unternommen oder sind zu Ausstellungen aufgebrochen.

Ingrid Goltzsche-Schwarz war als gelernte Buchhändlerin, wie sich viele von Ihnen  vielleicht erinnern, eine gleichermaßen belesene wie fabulierende und anregende Gesprächspartnerin, die ihren ganz persönlichen Interessen nachging und sich ihre Meinung nicht zensieren ließ. Sie reiste gern und wohin immer sie konnte, auch wenn der Bewegungsradius von der DDR aus begrenzt war. Dichtung und insbesondere Lyrik boten da verlockende Horizonte, den Schmerz eingeschlossen. Wo immer sich Ingrid Goltzsche-Schwarz aufhielt, hatte sie einen Blick für die Kuriositäten und Absurditäten des Lebens, denen sie sich mit dem ihr eigenen Temperament und Humor stellte. Ich erinnere mich gern an ihre lebendigen Erzählungen, etwa darüber, wie sie auf einer vom Künstlerverband organisierten Reise in Mittelasien auf einer Bergstraße von der Gruppe zurückblieb und bei Tee, Nüssen und anderen Köstlichkeiten gastfreundlich in die dortige Welt der Frauen aufgenommen wurde. Aus Ungarn schrieb sie mir eine selbst gezeichnete Postkarte, mit zwei herabgefallenen, riesenhaften, köstlichen gelben Birnen im Vordergrund, die sich im Dialog dem Himmel entgegenwölben und die hinter ihnen stehenden Bäume als zarte Pflänzchen erscheinen lassen.

In den Bildwelten von Ingrid Goltzsche-Schwarz, die sich dem Mythos öffnen und dem Figurativen verpflichtet bleiben, in der Druckgraphik aber auch auf Kürzel, verschiedenartige Schraffuren, Leerstellen und den Plattenton setzen, begegnen bestimmte Motive immer wieder. Eberhard Hartwig hat sie bei der Hängung der Arbeiten zu Gruppen zusammengefasst. Da sind links vom Eingang jene Blätter, in denen Pferde die Hauptrolle spielen. Ingrid Goltzsche-Schwarz zeigt sie als schöne und bodenständige Geschöpfe mit einem eigenen Bewegungsrhythmus, auf die der Mensch sich verlassen kann. Nicht von ungefähr heißt eines der Blätter „Heimkehr“, gleichsam eine Umkehr und moderne Version der „Flucht nach Ägypten“. An der rechten Wand halten liegende und stehende, häufig nackte, weibliche Figuren Zwiesprache mit den Elementen – mit dem bergenden Bodenrelief der Erde, der Bewegung von Wasser und Wolken, den Formen der Vegetation. Im hinteren Raum begegnen Blätter mit stilllebenhaftem Charakter, solche, die sich auf Dichtung beziehen und solche, in denen unbefangen ganz unterschiedliche ästhetische Möglichkeiten der Radierung, des Farblinolschnittes und der Algraphie erprobt werden. Manchmal kommen surreale Elemente ins Spiel wie in dem Blatt „Waldige Klänge“. Naivität und Raffinement liegen in den Druckgraphiken von Ingrid Goltzsche-Schwarz oft nah beieinander, eine Kombination, die sich wahrscheinlich dem autodidaktischen Zugriff der Künstlerin verdankt. Auch das Plakatmotiv „Stilleben – Fenster“ von 1978 ist ein Beispiel dafür. Der in der Kunst der Moderne so beliebte Blick aus dem Fenster mit Objekten auf dem Fensterbrett (man denke an entsprechende Bilder von Matisse) ist hier eigentümlich verkehrt. Aus einer mit Frucht, Blatt, Pferd, Vogel und Bäumen angereicherten weiten Landschaft wird der Blick über eine Obstschale auf ein zum Betrachter hin geöffnetes Fenster, einem Tor gleich, gelenkt, hinter dem Häuserfronten eine Straße ankündigen und über dem sich Hügelzüge zu erhöhen scheinen. So schauen wir also aus unbegrenzter, Freiheit versprechender Weite in die vom Menschen verbaute Welt. Im hinteren Raum, an der Stirnwand, hängen wiederum Blätter, die der von Menschenhand gestalteten Landschaft gewidmet sind – barocke Parklandschaften mit ihrem Spiel von Licht und Schatten, von gleichsam verlebendigten Skulpturen und beschnittenen Hecken.

Vielleicht vermissen Sie in der Ausstellung jene großformatigen Farblinolschnitte von Ingrid Goltzsche-Schwarz, die zu ihren Lebzeiten so etwas wie ihr Markenzeichen waren und sowohl von Museen als auch von privaten Sammlern gern erworben wurden. Bei uns zu Hause hängt seit vielen Jahren ein solches Blatt, ein Geschenk von Ingrid: Leda mit Schwan, in einer kühlen, frühlingshaften Farbigkeit. In Bamberg wiederum schaue ich immer wieder gern auf einen der „verlorenen Schnitte“ von Ingrid: eine Strandszene in Ahrenshoop, die mich an einen Urlaub an diesem schönen, vom Wind durchwehten Ort auf dem Darss in meiner Kindheit und eben an Ingrid erinnert. Die hier präsentierten, eher kleinformatigen schwarz-weißen und farbigen Blätter beschwören auf ganz eigene Art die Weltsicht von Ingrid Goltzsche-Schwarz herauf und gestatten einen Einblick in ihre graphische „Küche“. Lassen Sie mich mit Blick auf die hier versammelten Werke mit einem Satz schließen, den ich an anderer Stelle, im Katalog von 1997 geschrieben habe: „Sinnlichkeit und Melancholie gehörten für Ingrid Goltzsche zusammen, gegen das Banale war sie gewappnet.“

Prof. Dr. Ada Raev, 09.04.2016