REFLEXIONEN

 

 

REFLEXIONEN

Druckgraphik zu Literatur

von Ingrid Bertel, Egon Bresien, Ute Hausfeld, Dagmar Hintzmann, Angelika Ludwig, Harald Reibke und Jutta Schölzel (Freie Gruppe Druckgrafik, Berlin)

13. September 2014 – 14. Oktober 2014

 

 

 

Die sieben unabhängigen Künstler der „Freien Gruppe Druckgrafik“, basierend auf einem 1980 durch den Maler und Graphiker Egon Bresien gegründeten „Zirkel für Druckgraphik“, nutzen in Köpenick ein Gemeinschaftsatelier mit einer Tiefdruckpresse. Dort pflegen sie die Technik der Radierung und sie haben schon zahlreiche gemeinsame Ausstellungen vor allem zur Literatur organisiert. Häufig wurden Radierungen in Berlin, vorwiegend jedoch in Köpenick gezeigt. Viel beachtet wurden z.B. die Ausstellungen zu Theodor Fontane, Johannes Bobrowski, zur Literatur von Frauen und zum 200. Todestag von Heinrich von Kleist. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach hat Radierungen dieser Gruppe angekauft und auch das Kleist-Museum in Frankfurt/Oder besitzt eine Mappe mit Radierungen. Mehrere Künstlerinnen haben „Penthesilea“ von Kleist in den Mittelpunkt ihrer grafischen Arbeiten gestellt.

Einige jüngere Mitglieder der Druckergruppe sind auch sehr aktiv bei der Kunsterziehung von Kindern in der Vorschule und in Kunstkursen für Erwachsene in der Volkshochschule Treptow-Köpenick.

Aus der Eröffnungsrede:

„Druckgraphik zu Literatur heißt nicht zwingend: Illustration der Literatur. Heinrich Heine schrieb: „Mein Wahlspruch bleibt: Kunst ist der Zweck der Kunst, wie Liebe der Zwecke der Liebe, und gar das Leben selbst der Zweck des Lebens.“ Und so zeigt diese Präsentation verschiedenste Auseinandersetzungen mit der selbstgewählten Literatur. …

Ingrid Bertel ließ sich von Gedichten von Wisława Szymborska anregen zu Kaltnadelradierungen mit freiem, rotem Farbgrund. Das Eigenleben im Wort der Szymborska verwandelt sich bei ihr in sichtbare Form und in der kraftvollen Linie gebündelt zum Ausdruck der Lebensspannung.

Jutta Schölzel hat sich – hier in dieser Ausstellung ausschließlich – auf die Spuren der Amazonenkönigin Penthesilea begeben, deren Stolz, Aufrichtigkeit und inneren Kampf Heinrich von Kleist so eindrucksvoll beschrieben hat. Die entstandenen Kaltnadelradierungen zeigen die unterschiedlichen Fassetten dieser Frau, die sich während des Kampfes um Troja – entgegen dem Amazonengesetz – in Achill verliebte und ihn im letzten Zweikampf in tierischer Wildheit und Raserei traumatisiert tötet. Ungläubig über ihre Tat, wird sie von ihrer Freundin Prothoe aufgeklärt. Zum Schluss, sich selbst und ihrer Liebe treu bleibend, richtet sie die Waffe gegen sich selbst und folgt ihrem Geliebten in den Tod. Sie starb, weil ihre Gefühle mit dem starren Amazonen-Gesetz nicht vereinbar waren.

Angelika Ludwig ist hier mit Farb- und Schwarz-Weiß-Radierungen in Aquatinta, Vernis mou und Linienätzung vertreten. Ihre Druckgraphiken zu Kleists „Penthesilea“, Schillers „Ophelia“ und Marguerite Duras Erzählung „Blaue Augen, schwarzes Haar“ reflektieren das unsichere Verhältnis von Frau und Mann zwischen euphorischer Anziehung und hoffnungsloser Trennung. Durch die abstrakte, zeichenhafte Umsetzung der Szenen wird eine Allgemeingültigkeit dieser Polaritäten geschaffen.

Egon Bresien arbeitete zu Finnegans Wake von James Joyce, dem in diesem Werk mehr am Klang und am Rhythmus als am Sinn lag. Eine Übersetzung, wird gesagt, verbietet sich von selbst. Sie ist ein Ding der Unmöglichkeit. Sich mit graphischen Mitteln dieser Literatur zu nähern war Bresien eine Verlockung, die von Verbotenem ausgeht, mit der Gewissheit, sich dabei die Finger – nicht ? – zu verbrennen. Urteilen sie selbst über diese schönen Kaltnadel- und Ätzradierungen!

Harald Reibke nachvollzog für seine Aquatinta-Arbeiten zu Theodor Fontane einen Teil der Fontane-Reise von Berlin nach Norden, durch die Landschaften der Mark Brandenburg. Eine Farbradierung schildert die unmenschliche über 30jährige Gefangenschaft in psychiatrischen Anstalten der vordem ausdrucksstarken Bildhauerin Camille Claudel, die – zuvor gesund – Schülerin und Geliebte Auguste Rodins war und an dieser schwierigen Beziehung erkrankte.

Dagmar Hintzmann schuf Reservagen mit Aquatinta und Strichätzung zu Annemarie Schwarzenbach, fasziniert von ihrem Porträt in einem geschenkt erhaltenem Reisebuch: eine schöne, eine geheimnisvolle Frau, den Blick nach innen gekehrt. Sie las den Bericht ihrer Reisegefährtin, Schwarzenbach´s Biographie und einen ihrer vielen Texte. Hier möchte ich Dagmar Hintzmann zitieren: „Beim Lesen und auch jetzt bleibt sie für mich eine Persönlichkeit, die nicht zu fassen ist und der ich nicht gerecht werde, wenn ich sie nur beschreibe als Journalistin, Schriftstellerin, Fotoreporterin, Freundin von Erika und Klaus Mann, Drogensüchtige, zutiefst an sich und der Welt Leidende und früh Gestorbene. Die Begegnung mit ihrer Biografie hat mich sehr berührt und in der Auseinandersetzung ist die Reihe der Bildnisse einer Frau entstanden, die sich auf dem schmalen Grad zwischen leben können und leben müssen bewegt hat.“

Zu Ute Hausfeld, welche heute leider nicht anwesend sein kann – sie hat heute eine Einzelausstellungs-Eröffnung in der Galerie Kunst am Meer in Zinnowitz/Usedom – sie lässt Sie grüßen und ich wünsche ihr gedanklich viel Erfolg! Sie zeigt hier Kaltnadelradierungen u.a. zu Christa Wolf, Martin Walser und Hiromi Kawakami´s „Herr Nakano und die Frauen“ und sagt selbst dazu: „Es ging mir dabei nicht um eine Illustration im eigentlichen Wortsinn. Die bildnerische Umsetzung entsteht als Extrakt aus den jeweiligen literarischen Werken. Die grafische Darstellung ist ein intuitiver Prozess, es ist wie ‚Schreiben‘, nur zeichnerisch.“

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Die Eröffnung war am 13. September 2014, es intonierten Hanno Koloska, Fagott, und Angela Wingerath, Stimme,  Improvisationen.

Axel Brumma, Autor und Verleger, las am Donnerstag, 09. Oktober 2014, aus Büchern, die er mit E. Bresien, A. Ludwig, M. Augustinski, S. Herrmann und I. Bertel (in Vorbereitung) herausgegeben hat. Der Abend klang mit Gesprächen zwischen den Gästen und den anwesenden Künstler_innen aus.

 

Jutta Schölzel, PENTHESILEA, Kaltnadelradierung 19,7 x 24,7 cmHarald Reibke, Heimkehr, Kaltnadelradierung, 17 x 30 cmE. Bresien, 2014, Kaltnadelradierung, zu J. Joyce, 29,7 x 21,4 cmAngelika Ludwig, Sturz, 2011, Aquatintaradierung/Linienätzung, 30 x 21 cm  Eröffnungsgäste und Egon Bresien während der Musik  Harald Reibke und Eröffnungsgäste während der Musik  Angela Wingerath, Stimme, und Hanno Koloska, Fagott, intonieren Improvisationen  Dagmar Hintzmann  Jutta Schölzel, Angelika Ludwig und Eröffnungsgäste  Ute Hausfeld, Auf leisen Sohlen, 2014, Kaltnadelradierung  Dagmar Hintzmann, "Annemarie Schwarzenbach 4", 2014, Reservage mit Aquatinta und Strichätzung    Dagmar Hintzmann, "Annemarie Schwarzenbach 1-6", 2014, Reservage mit Aquatinta und Strichätzung   Lesung am 09.10.2014: Zuhörer und A, Brumma lesend   Axel Brumma liest