Zum Verrücktwerden endgültige Linien

In Erinnerung an die Zeichnerin, Grafikerin und Hochschullehrerin Christine Perthen (1948-2004)

 

Sie wollte Zeichnerin sein, nicht Malerin. Im spröden Schwarz-Weiß der Liniensprache, das hatte sie zeitig entdeckt, können alle Farben der Welt aufleuchten.

Auch wenn Christine Perthen, 2004 viel zu früh gestorben, ihre Linienkunst, im Falle unserer Ausstellung die Radierungen, die kruden Ätzungen farbig übermalte, war die grafische Strenge, bis hin zur Ruppigkeit und Schärfe, nie aufgehoben.

Immer war es der Drang, Zeichen auf papiernen Grund zu setzen als Lebenszeichen, Liebeszeichen, Ausrufezeichen, Fragezeichen ans Leben. Mit dem Zeichenstift nämlich war sie dem Leben am dichtesten auf der Spur.

Ihre „Modelle“, aus dem Leben, aus der Literatur von Kleist bis Fontane, der Dramatik von Shakespeare bis Büchner, all die offensichtlich von Leidenschaften hin- und her gerissenen weiblichen und männlichen Figuren und auch die wesenhaften, ein wenig feierlich überhöhten Babys, die sie Frauen wie in Madonnenbildern in die Arme legte, all dies freilich erfuhr vielmehr in Perthens „Papierliebe, wie sie ein Buch und alles in allem ihren Zeichner-Kosmos nannte, eine intensive Metamorphose des Körperlichen und Situativen, vom Liebesakt bis zum Totentanz:

Nicht zuletzt dafür wurde sie noch wenige Jahre vor ihrem frühen Tod mit dem Cranach- und dem Dürer-Preis geehrt.

Die Zeichnerin, die an der Kunsthochschule Weißensee lehrte, fügte hinzu oder reduzierte das Geschaute bis zum Kürzel; so entstanden Symbiosen von Mensch und Natur, oft verhalten dramatisch, die Ruhe im Bild unheilschwanger, schön und gewalttätig zugleich.

Der Mensch – im Bezug zur Natur, zu knorrigen Bäumen vor allem, die im Gartenrefugium der Künstlerin im heimischen Pirna stehen – ist gleichnishaft dargestellt, halb den Umständen ausgesetzt, halb Akteur seines Daseins.

Nun fragen wir uns vor ihren Grafiken, die Sammler, Freunde, Studenten hier im Werkstattatelier von Eberhard Hartwig zusammengetragen, die er liebevoll gerahmt und im Raum, der vormals Christine Perthens Werkstatt war, neben Grafikpressen und über Setzkästen und anderen Gerätschaften des alten und immer wieder neuen Handwerks den arrangiert hat :

War die Kunst dieser Zeichnerin, nun „vollendet“? Oder wurde sie mitten aus dem Schaffen gerissen? Die Antwort wird jeder von uns für sich finden.

Mit dem Zeichenstift, so glaubte Christine Perthen, „bin ich dem Leben am dichtesten auf der Spur.“

Mit ungestillter Neugier hat sie seit ihrer Meisterschülerzeit bei Werner Klemke an der Akademie der Künste Menschen beobachtet, doch was sie in den Skizzenblock oder später mit Kohlestift, Graphit, Rötel oder Radiernadel auf große und kleine Papierbögen setzte, waren nie bloße Abbilder.

Ihre „Modelle„ erfuhren vielmehr eine intensive Metamorphose des Körperlichen und Situativen: Sie fügte hinzu oder reduzierte das Geschaute bis zum Kürzel.

So entstanden Symbiosen von Mensch und Natur, oft verhalten dramatisch, die Ruhe im Bild unheilschwanger, schön und gewalttätig zugleich; der Mensch gleichnishaft, halb den Umständen ausgesetzt, halb Akteur seines Daseins.

Der Käthe Kollwitz, drüben von der Weißenburger Straße am heutigen Kollwitz-Platz, eine Viertelstunde von hier entfernt, hat sie sich wahlverwandt gefühlt, auch wegen der Konsequenz des spröden Schwarz-Weiss.

Auch wenn Christine Perthen ihre Radierungen farbig übermalte, war die grafische Strenge nie aufgehoben.

„Irgendwann“, sagte sie in einem unserer Gespräche, “wusste ich, dass es mich bis zum Verrücktwerden fasziniert, schwarze Linien und Flecken aufs Papier zu bringen:

Zarte Linien, suchende, nervöse, endgültige, einzelne, gebündelte, gekreuzte. Schraffuren von rechts, Schraffuren von links. Linien, die zu Flecken werden.“

Doch allein um das grafische Vokabular als Selbstzweck ging es ihr nie, sondern darum, einer Idee Gestalt zu geben. Das klang nach klassischer deutscher Zeichner-Schule. Von da kam Christine Perthen auch; Dürers Blätter waren ihr heilig.

Nur zersplitterte bei ihr alles Ebenmäßige im Stakkato der Linien. Ein Gewirr von Strichbündeln entstand, und sie schien erst dann zufrieden, wenn sie die hellen und dunklen Töne verwoben, die Bildebenen ineinander verschränkt hatte.

Das ergab dann ganz verschiedene Blickwinkel auf Realität und Vision, Nähe oder auch Entfremdung.

Es gab nichts Spannenderes für diese Zeichnerin als den komplizierten Kreislauf Mensch und Natur, Leben und Tod, Liebe und Hass.

„Gesichter, Körper sind mir wichtig, Gestik, Spannungen, Beziehungen zwischen den Figuren“, erklärte siee sie und fügte seit den Neunzigern extrem abstrahierte Naturformen hinzu: Bäume, Wurzelgebilde, Felsformationen, die auf das heimatliche Elbsandsteingebirge schließen ließen.

Und gerade das war das Besondere, unverwechselbare an dieser Künstlerin des Stiftes und der Radiernadel:

Aus dem Dresdner Fluidum brachte sie das emotionsbekundende, oft dramatische Lebensgefühl mit; in Berlin bekam der Strich der Schadow-Verehrerin dann das Spröde, Strenge. Sie sagte dazu in ihrem unverwechselbaren Humor: „In Sachsen mag man das Genießen. Und in Preußen kommt dann die Reue.“

Und so gratwanderte ihre Bildsprache wunderbar, ergreifend – und zugleich ruppig und herb, also von keiner Lieblichkeit und Einschmeichelei versüßt, zwischen sächsischem Barock und preußischem Klassizismus.

Nochmal also zurück zu der Frage, die uns beschäftigt: War Christine Perthen, die, wie ich weiß, die Musik Beethovens mochte, nun eine Vollende oder eine Unvollendete?

Zurück ließ sie, die zeitlebens atemlos Aufgabe um Aufgabe bewältigte, ein intensives, eigenwilliges, längst nicht aufgearbeitetes Werk.

Zurück ließ sie so viele Ideen für ihre Kunst, dazu Unterrichtsprojekte, Ausstellungsvorhaben.

Auch ihre Bühnenbildarbeit für das „Theater im Palast“, wo es oft um den von ihr wegen seiner Klugheit und seines scharfen Witzes geliebten Shakespeare ging, blieben unvollendet.

Viele von uns hier haben das Glück, eine ihrer Grafiken zu besitzen: Ich schätze mich glücklich mit einem schön- beklemmenden, fast surrealen Motiv vom Schürboden eines Marionettentheaters. Das Blatt stammet aus einer Auflage zu Heinrich von Kleists Marionetten.

Und ich liebe über alles ein kleines Blatt, eine Aquatinta/Strichätzung ohne Titel, darauf zwei unternehmungslustige skurrile Figuren, eine Sie und ein Er, ich höre sie noch in ihrem nie abgelegten breiten Dresdner Sächsisch sagen „ die gehen schwaddeln ( zu übersetzen mit Ausgehen, flanieren, shoppen).

Das Blatt ist raffiniert gedruckt auf einen fein strukturierten textilen Grund, das Stoffliche, Sinnliche, zugleich aber abstrahierend Strukturelle war ihr immer ganz wichtig . Und dauernd hat sie experimentiert, die Ergebnisse waren oft verblüffend, aber keinesfalls alles hat sie gelten lassen. Weniger sei mehr, war so ein Lieblingssatz von ihr, die unablässig am Zeichnen, Radieren, Drucken war

Das große, zunehmend auch großformatigere zeichnerische Werk hat Christine Perthen der Berlinischen Galerie überlassen. Der musealen Instanz.

Nur – zu sehen bekamen wir bislang davon kein Blatt. Womöglich wird sich das ändern, wenn kommenden Ausstellungs-Machern auffällt, dass es so etwas gibt, inmitten einer künstlerischen Massenproduktion in Berlin, die dem Beliebigen und Nichtsagenden nicht mehr entrinnt.

Sollte das passieren, würde ich dem geschätzten Landesmuseum jene grandiose Radierung als Einladungskarte empfehlen, die von Christine mit „Möglichkeiten der Veränderung“ betitelt wurde.

Ingeborg Ruthe, am 19. Oktober 2013 im Druckgraphik-Atelier