Zwischentöne, einführende Worte von G. Ivan

ZWISCHENTÖNE

28.02. – 24.03.2015

 

Eberhard Hartwig hat in seiner Ankündigung das gemeinsame Thema dieser Ausstellung kurz mit „abstrahierte Landschaft“ umrissen und mir so eine Brücke gebaut, über die ich gern gehe.

Denn auch ich habe angesichts der druckgrafischen Blätter von Rahel Mucke, Karin Tiefensee und Eberhard Hartwig sofort die Gemeinsamkeit im Motiv Landschaft gefunden.

Allerdings leben wir nicht mehr in früheren Jahrhunderten, schon gar nicht im 19. Jh., das ideale und romantische Landschaftdarstellungen als große Neuerungsleistungen der Malerei hervorbrachte, die bis heute das Kunstpublikum in ihren Bann ziehen.

Obwohl sich die Auffassungen von Landschaft aufgrund der politischen und sozialen Verhältnisse im 20. Jh. grundlegend wandelten, ist sie als künstlerische Gattung wieder ein zentrales Thema, und zwar nicht nur wie früher in der Malerei, sondern in vielen Künsten. Die Sicht darauf hat sich auch in der Fotografie, anders noch im Film, gefächert und ist weit abgerückt von der Darstellung der Landschaft als geografischem, oder topografisch verstandenem Raum oder als Natur im Trugbild von Reinkultur, als Gegensatz zum Urbanen oder gar als Reiseschilderung. Insbesondere C. D. Friedrich wirkt da mit seinen weltanschaulich aufgeladenen Natur- und Landschaftssichten positiv nach.

Ja, Landschaft wird heutzutage vielseitig reflektiert. In der bildenden Kunst ist sie vornehmlich zu einer Metapher geworden, zu einer „ästhetischen Idee“, weg vom Abbild zum Bild. Die gegenwärtige Auffassung von Landschaft fußt wesentlich auf Imagination und Interpretation – wofür auch an die hier versammelten druckgrafischen Blätter stehen.

Alle drei Aussteller wählen die ihnen gemäßen technischen und gestalterischen Mittel, um Landschaften zu erfinden und gestalterisch zu inszenieren. Und das technisch so versiert und kombiniert, daß wir im Anschluss ein längeres Gespräch über die Möglichkeiten diverser Hoch- und Tiefdrucktechniken, der Monotypie oder der Prägung führen könnten. Da wird experimentiert, montiert, collagiert. Und genau die Faszination des experimentellen Arbeitens mit Materialien und Formen und Farben lockt alle drei Künstler wie vormals die Entdecker ferner Erdteile. Ihre Freude am Machen überträgt sich auf uns als Freude am Sehen. Erhabene und spektakuläre, gar touristische Motive suchen wir auf ihren Blättern vergeblich, es geht ihnen eben um Landschaft als Metapher. Staffagefiguren sind deshalb selten oder gar nicht vorhanden.

 

Von RAHEL MUCKE (*1963) sehen wir neben Radierungen in Kaltnadel und im Aussprengverfahren, einer speziellen Art der Aquatintaradierung, eine sehr schöne Reihe aquarellierter Prägedrucke.

Horizontale und vertikale Linien und – bei den Prägungen – auch Konturen teilen, ordnen oder beherrschen die meisten ihrer Blätter.

Darin pulsieren Linien wie eine Spur, kräftig rot oder schwarz, setzen verhalten Erzählerisches oder Assoziatives in die farblich vibrierenden oder schwingenden Flächen. Sie konstruieren aber auch ein Ordnungs- oder Aufräumprinzip. Die vielen Zwischenräume – Rahel Mucke leidet nicht unter horror vacui – geben den kleinformatigen Arbeiten viel Atem, eine gewisse Weite und Schwerelosigkeit.

Ihre Arbeiten wirken in sich abgeschlossen, scheinen rätselhafte Landkarten, Planspiele, Grundrisse oder technische Anordnungen darzustellen. Die zum Prägen verwendeten Gegenstände setzen mit ihren Schatten zusätzlich grafische Spuren, die in Kombination mit pastellhellen Farben Bewegung und Heiterkeit bewirken. Auch die scheinbar flüchtig wirkende, substanzarme Aquarellfarbe trägt dazu bei. Ein mit Paul Klee verwandtes Spiel mit Linie und Fläche.

Das sind Landschaften, die nichts mit der Vorstellung von Natur gemein haben, sondern dem menschlichen Gestaltwillen entspringen.

 

Anders KARIN TIEFENSEE (*1957), die grafische Mischtechniken mit Kaltnadel, Aquatinta und Collage anwendet.

Bis vor einem knappen Jahrzehnt die druckgrafischen Techniken in ihrem Schaffen die Oberhand gewannen, malte KT vorwiegend in Öl auf Leinwand. Ihre Leidenschaft für farbige Flächen und Formen, Strukturen nahm sie in ihre druckgrafischen Experimente mit, bereichert durch viele glückliche Ein- und Zufälle beim Arbeiten selbst. Zur Herstellung ihrer malerisch anmutenden Drucke verwendet sie am liebsten drei Druckplatten und einige weitere Utensilien. Manchmal geraten ihr zwischen die Druckvorgänge farbige Papiere und werden mitbedruckt. Sie implantieren sich scheinbar von selbst und legen neue Farb-Lunten und Leuchtfeuer – so daß man meinen könnte, sie hätte noch mehr Platten verwendet.

Ihre Blätter sind zum Bersten bis über die Ränder weisend gefüllt. Ihre lyrischen, oft aber auch expressiven Farbgebilde kommen der Vorstellung von Landschaft und Naturerscheinungen am nächsten. Sie erinnern an Vegetation, Wasser, Wolken, Schatten, Licht und an die Tages- und Jahreszeiten, wie wir sie als Stimmungs- und Seelenlandschaften erinnern. Wir sehen sich überlagernde Dickichte, unzugänglich und undurchdringbar, sich eigensinnig entfalten, dunkle Formen im Kontrast mit leuchtenden Partien. Satte und transparente Farben sorgen im fast musikalischen Wechsel für räumliche Anmutungen und kompositorische Ausgewogenheit.

 

Beide Künstlerinnen befreien sich in ihren metaphorischen Landschaften vom Naturvorbild und gestalten – auf je eigene Weise – Farb- und Formorganismen von „freier Schönheit“.

 

Es etwas komplizierter ist dies bei EBERHARD HARTWIG (*1957)

Er ist der farblich Zurückhaltende im Bunde: schwarzweiß oder nobel monochrom. Ruhig und kraftvoll formen Linie und Fleck Bedeutungslandschaften, so z. B. die Gruppe seiner Feldbilder oder die Regatta-Blätter wie auch die kleinen extremen Querformate.

Eberhard vertraut auf Sparsamkeit und Zeichenhaftigkeit der Mittel, auf die Wirkung seiner Handschrift wie auf die Schlagkraft des Seriellen. Beharrlich, fast trotzig, reihen sich die Bildelemente. Räumliche Tiefe fehlt vollkommen, alle Elemente agieren ganz vorn. Inselhafte Punkte paradieren grob schraffiert als unregelmäßige Flecken, geordnet wie Pflanzungen oder militärische Aufmärsche. Parallele Linien gleiten oder graben sich mit ruhiger, fast stoischer Selbstverständlichkeit vorwärts durch die hellen Flächen und erwecken sie zu landschaftlichem Ausdruck.

Landschaftliches erscheint bei ihm extrem reduziert und abstrahiert auf ein lineares Gerüst, das den grautonigen Schwaden, Punkten und zeichenhaften Gegenständen die Plätze zuweist. Es ist die scheinbare Einfachheit der Mittel, für die sich Eberhard entschieden hat, die die eindrückliche Wirkung seiner Bildfindungen ausmacht.

 

Gabriela Ivan, 28. Februar 2015